Zum Inhalt springen
SchweißAufsichtSchweißAufsicht
Grundlagen5 Min. Lesezeit2025-12-15

EXC2 vs. EXC3: Was sich für die Schweißaufsicht konkret ändert

Der Wechsel von EXC2 auf EXC3 bedeutet mehr als einen höheren NDT-Prüfumfang. Was sich in der Dokumentation, Qualifikation und im Audit ändert — praxisnah erklärt.

Der Unterschied, der viele Betriebe überrascht

Viele Metallbau-Betriebe operieren jahrelang unter EXC2 — und bekommen irgendwann einen Auftrag, der EXC3 erfordert. Was dann folgt, ist oft Überraschung: EXC3 ist nicht "ein bisschen mehr EXC2". Es ist eine andere Liga an Anforderungen.

Dieser Artikel erklärt die konkreten Unterschiede aus der Perspektive der Schweißaufsicht.

1. Qualifikationsanforderung: Wer darf Schweißaufsicht sein?

EN 1090-2:2018 nennt in Tabelle 14 keine Diplome, sondern ein gefordertes technisches Wissensniveau: B (basis), S (spezifisch) oder C (umfassend) nach ISO 14731. Welches Niveau gilt, ergibt sich aus drei Größen: Ausführungsklasse, Stahlsorte und Blechdicke — nicht aus dem Schweißverfahren. In der deutschen Praxis werden B/S/C über IWS/EWS, IWT/EWT und IWE/EWE nachgewiesen; diese Zuordnung ist DVS-/EWF-Praxis, sie steht so nicht in der Norm.

EXC2: Für S235 bis S355 genügt bis einschließlich 25 mm Erzeugnisdicke Niveau B. Über 25 bis 50 mm verlangt Tabelle 14 Niveau S, über 50 mm C — für Güten bis einschließlich S275 bleibt es dort bei S (Fußnote c). Für S420 bis S700 startet EXC2 schon bei S. In der deutschen Praxis wird Niveau B über einen IWS/EWS nachgewiesen; die Norm nennt diesen Abschluss nicht.

EXC3: Für S235 bis S355 verlangt die Tabelle durchgehend mindestens S, über 25 mm C. Für S420 bis S700 ist es in jeder Dicke C. Das Basis-Niveau B kommt in EXC3 also in keinem Feld der Tabelle 14 mehr vor — in der Praxis heißt das, dass ein IWS/EWS als alleiniger Nachweis nicht mehr ausreicht. Genau das ist die Hürde beim Klassenwechsel.

Was das bedeutet: Wer einen Betrieb auf EXC3 hebt, muss die Schweißaufsicht auf mindestens Niveau S — je nach Güte und Dicke auf C — anheben und diesen Nachweis führen können. In der deutschen Praxis geschieht das über einen IWT/EWT oder IWE/EWE, intern eingestellt oder extern beauftragt; welchen Abschluss die Person mitbringt, schreibt die Norm nicht vor — sie fordert das Wissensniveau nach EN ISO 14731.

2. NDT-Prüfumfang: Mehr als doppelt so viel

Vorweg: Die Sichtprüfung ist in beiden Klassen gleich — alle Nähte, volle Länge, ohne Prozentsatz. Unterschiedlich ist nur der Umfang der ergänzenden ZfP nach EN 1090-2:2018+A1:2024, Tabelle 24, und der staffelt sich nach Nahtart, nicht nach Prüfverfahren.

EXC2: Quer-Stumpfnähte im Stumpf- und Kreuzstoß 10 %, dieselben im T-Stoß 5 %, Quer-Kehlnähte mit a > 12 mm oder t > 30 mm 5 %, kleinere Quer-Kehlnähte und sonstige Längsnähte 0 %.

EXC3: Dieselbe Systematik, verdoppelte Sätze: Stumpf- und Kreuzstoß 20 %, T-Stoß 10 %, dicke Quer-Kehlnähte 10 %, die übrigen Nähte 5 %.

Achtung, häufiger Irrtum: Der T-Stoß liegt unter dem Stumpfstoß, nicht darüber. Und der Kreuzstoß liegt gleichauf mit dem Stumpfstoß, nicht darüber. Wer den ZfP-Plan nach Bauchgefühl staffelt, prüft an der falschen Stelle zu viel.

Was das bedeutet: Der ZfP-Plan muss präziser werden. Welche Nähte werden geprüft? Durch wen? Mit welcher Methode? Diese Entscheidungen müssen dokumentiert und begründet sein.

3. WPS und WPQR: Strengere Abdeckungsanforderungen

EXC2: WPS müssen vorhanden und durch eine gültige Qualifikation abgedeckt sein. Neben der Schweißverfahrensprüfung nach ISO 15614-1 lässt EN 1090-2:2018 (Tabelle 12) für EXC2 auch die schwächeren Wege zu: Standard-Schweißverfahren (ISO 15612), vorliegende schweißtechnische Erfahrung (ISO 15611) und geprüfte Schweißzusätze (ISO 15610).

EXC3: Genau diese drei Wege entfallen. Ab EXC3 sind nur noch Schweißverfahrensprüfung und Vorproduktionsprüfung zulässig; ISO 15612 nur, wenn die Ausführungsspezifikation es ausdrücklich erlaubt. Mehr WPQR nötig, um dieselbe Produktion abzudecken.

Kein Unterschied bei der Stufe: Wird nach ISO 15614-1:2017 qualifiziert, fordert EN 1090-2 in beiden Klassen Level 2 (Fußnote a der Tabelle 12). Level 1 ist für EN 1090 also auch in EXC2 kein gangbarer Weg.

4. Materialzertifikate: nicht der Typ ändert sich, sondern die Rückverfolgbarkeit

Der Zeugnistyp hängt gar nicht an der EXC. EN 1090-2:2018, Tabelle 1 staffelt nach Erzeugnis und Güte: Baustahl ≤ S275 braucht ein Werkszeugnis 2.2, Baustahl > S275 (S355, S460 …) ein Abnahmeprüfzeugnis 3.1; Schweißzusätze durchgehend 2.2. Ein 3.2 fordert die Tabelle an keiner Stelle — auch nicht für EXC4. Wer S355 verarbeitet, braucht das 3.1 also schon in EXC2 — aber wegen der Güte, nicht wegen der Klasse.

Was sich mit EXC3 tatsächlich ändert: die Rückverfolgbarkeit. Ab EXC3 müssen Erzeugnisse in allen Stadien zuordenbar sein — vom Wareneingang bis zur Übergabe nach Einbau (EN 1090-2:2018, Abschnitt 5.2). Das ist die Anforderung, an der Betriebe im Audit scheitern, nicht der Zeugnistyp.

Was das bedeutet: Die Bestellspezifikation richtet sich nach der Stahlgüte, die Fertigungsdokumentation nach der EXC. Wer für S235 ein 2.2 archiviert, hat keine Nichtkonformität — wer für S355 nur ein 2.2 hat, sehr wohl.

5. Änderungsdokumentation: Vollständiges Protokoll

EXC2: Grundlegende WPK-Dokumentation.

EXC3: Vollständiges Änderungsprotokoll aller WPK-Dokumente. Jede Änderung an WPS, Schweißerqualifikationen, ZfP-Plänen oder Verfahrensregistern muss dokumentiert werden — mit Datum, Verantwortlichkeit und Freigabe.

6. Was das für den Audit-Aufwand bedeutet

Ein EXC3-Audit dauert typischerweise länger als ein EXC2-Audit. Der Auditor prüft:

  • Qualifikationsnachweis des Schweißkoordinators für das geforderte Wissensniveau (S oder C nach Tabelle 14)
  • Vollständigkeit der Änderungsdokumentation
  • ZfP-Plan und Nachweis der tatsächlichen Prüfquoten
  • WPQR-Abdeckung nach Level 2

Faustregel: Mit dem Wechsel von EXC2 auf EXC3 verdoppelt sich der Dokumentationsaufwand in der Vorbereitung — und die Fehlerquote bei der ersten Zertifizierung ist höher.

Fazit: EXC3 ist eine Investition

Betriebe, die auf EXC3 wechseln wollen, sollten das nicht auf Knopfdruck tun. Es braucht: eine Schweißaufsicht auf dem geforderten Wissensniveau (S oder C nach Tabelle 14), angepasste WPS und WPQR, überarbeitete ZfP-Planung und eine robuste Dokumentationsstruktur.

Wer das systematisch angeht — und nicht erst eine Woche vor dem Audit — schafft den Wechsel ohne kritische Nichtkonformitäten.

AusführungsklassenEXC2EXC3NDTSchweißaufsicht

SchweißAufsicht — digitale Dokumentation für Schweißaufsichtspersonen

ISO 14731-Aufgabenmatrix, automatische 6-Monats-Erinnerungen, WPS-Register und NCR-Prozess — alles in einer App. Audit-Paket auf Knopfdruck.

Kostenlos testen